Genius Loci
Der Geist des Ortes
 
 

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Wandern
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Wander
GTA

»Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. … Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.«
J. G. Seume

Man wandert wieder!

Am besten in Gruppen und wohl organisiert. Dafür sorgen die zahlreichen Wandervereine, Wandertage, Wandergruppen, Gebirgsvereine, Alpenvereins-sektionen, Turn-, Heimat-, und Fremdenverkehrsvereine sowie die örtlichen Volks-hochschulen. Rund sieben Millionen Deutsche quälen sich auf diese Art durch Hoch- und Mittelgebirge.

Wandern boomt!

Nicht nur Veranstalter von Wanderreisen freuen sich über die wachsenden Umsätze. Auch die Ausrüster reiben sich bei Wachtumsraten zwischen fünf und zehn Prozent in den relevanten Sparten freudig die Hände, das Marktvolumen für diese Sparten wird auf 2, 3 Mrd Mark beziffert.

Wandern ist in!

Zu den traditionellen Gruppen kommen "neue" Wanderer hinzu, die überdurchschnittlich gut verdienen und aus gehobenen Bildungs- und Einkommensschichten stammen. Für die jüngeren Menschen wird Wandern als Sportart in Verbindung mit den Begriffen "Outdoor" und "Trekking" interessant.

Am Beginn des neuen Jahrtausends ist Wandern längst nicht mehr das, was es einmal war. Mit den Zeiten der Wandervogelbewegung, Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg " oder gar mit den Pilgerwanderungen im Mittelalter, hat dies nichts , aber auch gar nichts mehr zu tun. Aber was ist Wandern eigentlich? Wolfgang Kaschuba (1) definiert Wandern als "eigenständige gesellschaftliche Gangart, als verhältnismäßig junge kulturelle Betätigungsform angesichts der Jahrtausende, die der Mensch schon geht".


C.D. Friederich

Was war vor der "Erfindung" des Wanderns? Damals ging der Mensch! Er ging zur Kirche, zur Arbeit, zu Märkten, aufs Feld. Als Reisender wollte er schnell ankommen, egal ob Pilger oder Handwerksgeselle. Die direkte Freude an der Bewegung oder besser Fortbewegung war dem Menschen noch fremd. Zu gefährlich und mühselig war das Leben und das Reisen auf den Straßen. So suchte man Wege durch die Natur und nicht zu ihr. Ein Wald oder ein Berg war mehr Hindernis als Bedürfnis.

Die gesellschaftliche Revolution

Mit Beginn der Aufklärung und ihrem Glauben an die Kraft der menschlichen Vernunft und der Empfindsamkeit als Gegenbewegung mit ihrem Gefühlserleben, änderte sich diese Einstellung und ließ Naturerfahrung und Naturerlebnis entstehen. Aus einem rein zweck-gebundenem Landschafts- und Naturbild entstand ein ästhetisch-emotionales. Aus Ödland wurde Landschaft.

Im Zuge dieser Entwicklung entstand im Laufe des 18. Jahrhunderts der "romantische Mensch", idealerweise dargestellt in den Werken des Denkers Jean-Jaques

Rousseau, der sich um 1750 vielleicht als erster überzeugter Fusswanderer die Schweiz erwanderte, die damit zum Ziel der Bildungsbürger wurde. Das Wandern als Auseinandersetzung mit der Landschaft und mit sich und seine Gefühlen war geboren.

Später wanderte Johann Gottfried Seume von Leipzig nach Syrakus . (»Ich halte den Gang für das Ehrenvollste und Selbständigste in dem Manne und bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft.«). Karl Phillip Moritz durch Frankreich nach England und Goethe durch die Schweiz - das Wandern war bildungsbürgerliche Freizeitbeschäftigung geworden.

Für das Proletariat freilich, ist das Fußwandern immer noch wenig romantisch.

Die industrielle Revolution

Anfang des 19.Jahrhunderts wurde aus der sozialen die industrielle Revolution. Mit dem Aufkommen neuer Verkehrsmittel (Eisenbahn und Fahrrad) verblassten die Ideale Rousseaus und der Aufklärung. Die Welt verkleinerte sich, die Berge der Alpen rückten nicht nur für das Bildungsbürgertum immer näher. Durch die Gründung der

Wander- und Alpenvereine Mitte des 19. Jahr-hunderts konnte auch der Arbeiter nach einer 80 Stunden-Woche am arbeitsfreien Sonntag in die Natur. Diese Art der Freizeitgestaltung war preiswert und erholsam. Von Sozialdemokraten wurde 1895 der Arbeiter-Wanderverein " Die Naturfreunde" gegründet, der 1923 schon 100.000 Mitglieder hatte. 1912 richtet der Volksschullehrer Richard Schirrmann in Altena die erste Jugendherberge ein.

Wanderer
Junger Wannderer, 1882 (Ferrotypie)

»Überall soll der Wanderer ein sauberes, sicheres Heim vorfinden, das ihm das Elternhaus in der Fremde ersetzt … das ihn nicht ausbeutet, das ihn vor schlechter Gesellschaft bewahrt ...« so Dr. Gaßl, ein Förderer Schirrmanns. Durch die Suche nach neuen Gemeinschaften entstand 1901 der "Wandervogel".

Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden diese Gruppen aufgelöst, gleichgeschaltet oder gingen in der HJ auf. Mit dem Verschwinden des Klassenbewusstseins in den 50-er und 60-er Jahren verbürgerlichte die Wanderbewegung und wurde zur Sache immer gut gelaunter Ausflügler in Kniebundhosen und karierten Hemden. Zu diesen eher konservativen Gruppen kamen später neue Wanderer aus gehobeneren Einkommens- und Bildungsschichten hinzu. Für die jüngeren Menschen wird nun Wandern als Sportart in Verbindung mit den Begriffen "Outdoor" und "Trekking" interessant.

Aus der Fussreise der Empfindsamkeit ist eine Wandertour, aus der Wandertour eine Trekkingtour geworden.


1. Wolfgang Kaschuba, Aus deutschem Wanderleben, Zur Geschichte einer gesellschaftlichen Gangart. Aus: Stuttgarter Zeitung 23.07.83


Quelle: Internet; Wolfgang Kaschuba, Aus deutschem Wanderleben, Zur Geschichte einer gesellschaftlichen Gangart. Aus: Stuttgarter Zeitung 23.07.83

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Wandervogel
Jean Jacques Rousseau



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