 Der Geist des Ortes
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| | Von Älplern und Älplerinnen
| | Johanna Spyri | | Heidi. Lehr- und Wanderjahre | | Das Heidi und der Geissen-Peter (Auszug) | |  | eidi erwachte am frühen Morgen an einem lauten Pfiff, und als es die Augen aufschlug, kam ein goldener Schein durch das runde Loch hereingeflossen auf sein Lager und auf das Heu daneben, daß alles golden leuchtete rings-herum.Heidi schaute erstaunt um sich und wußte durchaus nicht, wo es war. | | Aber nun hörte es draußen des Großvaters tiefe Stimme, und jetzt kam ihm alles in den Sinn: woher es gekommen war und daß es nun auf der Alm beim Großvater sei. (...) Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles wieder angelegt, was es gestern getragen hatte, denn es war sehr wenig. Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Hütte hinaus. Da stand schon der Geißen-Peter mit seiner Schar, und der Großvater brachte eben Schwänli und Bärli aus dem Stall herbei, daß sie sich der Gesellschaft anschlössen. Heidi lief ihm entgegen, um ihm und den Geißen guten Tag zu sagen. »Willst mit auf die Weide?« fragte der Großvater. Das war dem Heidi eben recht, es hüpfte hoch auf vor Freuden. (...) | | Nun ging es lustig die Alm hinan. Der Wind hatte in der Nacht das letzte Wölkchen weggeblasen; dunkelblau schaute der Himmel von allen Seiten hernieder, und mitten drauf stand die leuchtende Sonne und schimmerte auf die grüne Alp, und all die blauen und gelben Blümchen darauf machten ihre Kelche auf und schauten ihr fröhlich entgegen. Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude, denn da waren ganze Trüppchen feiner, roter Himmelsschlüsselchen beieinander, und dort schimmerte es ganz blau von den schönen Enzianen, und überall lachten und nickten die zartblätterigen goldenen Ziströschen in der Sonne. | | Und überall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen und packte sie in sein Schürzchen ein, denn es wollte sie alle mit heimnehmen und ins Heu stecken in seiner Schlafkammer, daß es dort werde wie hier draußen. So hatte der Peter heut nach allen Seiten zu gucken, und seine kugelrunden Augen, die nicht besonders schnell hin- und hergingen, hatten mehr Arbeit, als der Peter gut bewältigen konnte, denn die Geißen machten es wie das Heidi: Sie liefen auch dahin und dorthin, und er mußte überallhin pfeifen und rufen und seine Rute schwingen, um wieder alle die verlaufenen zusammenzutreiben. |  Heidi und der Geissen-Peter | | »Wo bist du schon wieder. Heidi?« rief er jetzt mit ziemlich grimmiger Stimme. »Da«, tönte es von irgendwoher zurück. Sehen konnte Peter niemand, denn Heidi saß am Boden hinter einem Hügelchen, das dicht mit duftenden Prünellen besät war; da war die ganze Luft umher so mit | | Wohlgeruch erfüllt, daß Heidi noch nie so Liebliches eingeatmet hatte. Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen Zügen ein. | »Komm nach!« rief der Peter wieder. »Du mußt nicht über die Felsen hinunterfallen, der Öhi hat's verboten. « »Wo sind die Felsen?« fragte Heidi zurück, bewegte sich aber nicht von der Stelle, denn der süße Duft strömte mit jedem Windhauch dem Kinde lieblicher entgegen. »Dort oben, ganz oben, wir haben noch weit, drum komm jetzt! Und oben am höchsten sitzt der alte Raubvogel und krächzt. « Das half. Augenblicklich sprang Heidi in die Höhe und rannte mit seiner Schürze voller Blumen dem Peter zu. »Jetzt hast genug«, sagte dieser, als sie wieder zusammen weiterkletterten; »sonst bleibst du immer stecken; und wenn du alle nimmst, hat's morgen keine mehr.« | | Der letzte Grund leuchtete Heidi ein, und dann hatte es die Schürze schon so angefüllt, daß da wenig Platz mehr gewesen wäre, und morgen mußten auch noch da sein. So zog es nun mit dem Peter weiter, und die Geißen gingen nun auch geregelter, denn sie rochen die guten Krauter von dem hohen Weideplatz schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin. Der Weideplatz, wo Peter gewöhnlich haltmachte mit seinen Geißen und sein Quartier für den Tag aufschlug, lag am Fuße der hohen Felsen, die, erst noch von Gebüsch und Tannen bedeckt, zuletzt ganz kahl und schroff zum Himmel hinaufragen.(...) Jetzt hörte Heidi über sich ein lautes, scharfes Geschrei und Krächzen ertönen, und wie es aufschaute, kreiste über ihm ein so großer Vogel, wie es nie in seinem Leben gesehen hatte, mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft umher, und in großen Bogen kehrte er immer wieder zurück und krächzte laut und durchdringend über Heidis Kopf. |  Heidi und der Geissen-Peter | »Peter! Peter! Erwache!« rief Heidi laut. »Sieh, der Raubvogel ist da, sieh! Sieh!« Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach, der sich nun höher und höher hinaufschwang ins Himmelblau und endlich über grauen Felsen verschwand. »Wo ist er jetzt hin?« fragte Heidi, das mit gespannter Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte. »Heim ins Nest«, war Peters Antwort. »Ist er dort oben daheim? O wie schön, so hoch oben! Warum schreit er so?« fragte Heidi weiter. »Weil er muß«, erklärte Peter. »Wir wollen doch dort hinaufklettern und sehen, wo er daheim ist«, schlug Heidi vor. »Oh! Oh! Oh!« brach der Peter aus, jeden | Ausruf mit verstärkter Mißbilligung hervorstoßend; »wenn keine Geiß mehr dorthin kann und der Öhi gesagt hat, du dürfest nicht über die Felsen hinunterfallen.« | Jetzt begann der Peter mit einemmal ein so gewaltiges Pfeifen und Rufen anzustimmen, daß Heidi gar nicht wußte, was begegnen sollte; aber die Geißen mußten die Töne verstehen, denn eine nach der anderen kam heruntergesprungen, und nun war die ganze Schar auf der grünen Halde versammelt, die einen fortnagend an den würzigen Halmen, die anderen hin- und herrennend und die dritten ein wenig gegeneinanderstoßend mit ihren Hörnern zum Zeitvertreib. Heidi war aufgesprungen und rannte mitten unter den Geißen umher, denn das war ihm ein neuer, unbeschreiblich vergnüglicher Anblick, wie die Tierlein durcheinandersprangen und sich lustig machten, und Heidi sprang von einem zum anderen und machte mit jedem ganz persönliche Bekanntschaft, denn jedes war eine ganz besondere Erscheinung für sich und hatte seine eigenen Manieren. Unterdessen hatte Peter den Sack herbeigeholt und alle vier Stücke, die drin waren, schön auf den Boden hingelegt in ein Viereck, die großen Stücke auf Heidis Seite und die kleinen auf die seinige hin, denn er wußte genau, wie er sie erhalten hatte. | | Dann nahm er das Schüsselchen und melkte schöne, frische Milch hinein vom Schwänli und stellte das Schüsselchen mitten ins Viereck. Dann rief er Heidi herbei, mußte aber länger rufen als nach den Geißen, denn das Kind war so in Eifer und Freude über die mannigfaltigen Sprünge und Erlustigungen seiner neuen Spielkameraden, daß es nichts sah und nichts hörte außer diesen. Aber Peter wußte sich verständlich zu machen, er rief, daß es bis in die Felsen hinaufdröhnte, und nun erschien Heidi, und die gedeckte Tafel sah so einladend aus, daß es um sie herumhüpfte vor Wohlgefallen. |  | | Quelle: Heidi. Lehr-und Wanderjahre / Das Heidi u. d. Geissen-Peter Johanna Spyri Dressler Verlag |  | | Über diesen Text | | Tante Dete gibt das Waisenkind Heidi zum einzigen Verwandten, den es noch gibt. Ein alter Mann in den Bergen, der, abgesondert von der menschlichen Gemeinschaft, ein eigenbrötlerisches Dasein führt. Die Bewohner des Dörflis sind entsetzt. Ein kleines Mädchen und dieser störrische Alte, das kann nicht gut gehen. Doch Heidi erobert das Herz des Öhis mit ihrem aufgeweckten Wesen und ihrer unverdorbenen Natürlichkeit im Sturm. Von da an führt sie ein glückliches Leben mit dem Großvater, dem Geißenpeter und den Ziegen Schwänli und Bärli in einer intakten Natur. |  | | Über die Autorin | | Johanna Spyri wird 1827 im Hirzel, Kanton Zürich, geboren. Ihre Mutter, Meta Schweizer, ist Pfarrerstochter, Dichterin religiöser Lieder und Verfasserin einer Hauschronik. Ihr Vater, Johann Jakob Heusser, ein Landarzt, der sich sein Studium unter schwierigsten Bedingungen erarbeitet hat und der seiner Tochter früh die Augen für soziale Notstände und psychische Probleme geöffnet hat Als gebildete Frau, die moderne Fremdsprachen und Klavier in | | Zürich lernt, schließt sie dort Freundschaft mit dem Schriftsteller Conrad Ferdinand Meyer. 1852 heiratet sie Johann Bernhard Spyri, Rechtsanwalt und Redaktor der "Eidgenössischen Zeitung", später Stadtschreiber von Zürich. Sie entwickelt ein reges gesellschaftliches Leben, nimmt an literarisch-künstlerischen Gesellschaften teil, pflegt Kontakt mit Gottfried Keller und Richard Wagner. Erst 1880, mit 53 Jahren, schreibt Johanna Spyri "Heidis Lehr- und Wanderjahre", ein Jahr später "Heidi kann brauchen, was es gelernt hat". Das Buch wird in Deutschland veröffentlicht, die Schweizer konnten sich mit dem Bild, das da von Land und Leuten gezeichnet wird, nicht anfreunden. So wird Heidi erst im Ausland ein Star, bevor sie auch in der Heimat geschätzt wird. Am 7. Juli 1901 stirbt Johanna Spyri. Da hat sie rund 50 Erzählungen geschrieben, doch nur eine hat in den letzten hundert Jahren nichts von seiner Bekanntheit eingebüßt, die Geschichte von "Heidi". [...mehr] |

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