| Dieses Gedicht ist dasjenige, das mir am schwersten geworden ist. Es war die Frucht der großen Alpen-Reise, die ich An. 1728 mit dem jetzigen Herrn Canonico und Professor Geßner in Zürich getan hatte. Die starken Vorwürfe lagen mir lebhaft im Gedächtnis. Aber ich wählte eine beschwerliche Art von Gedichten, die mir die Arbeit unnötig vergrößerte. Die zehenzeilichten Strophen, die ich brauchte, zwangen mich, so viele besondere Gemälde zu machen, als ihrer selber waren, und allemal einen ganzen Vorwurf mit zehen Linien zu schließen. Die Gewohnheit neuerer Zeiten, daß die Stärke der Gedanken in der Strophe allemal gegen das Ende steigen muß, machte mir die Ausführung noch schwerer. ich wandte die Nebenstunden vieler Monate zu diesen wenigen Reimen an, und da alles fertig war, gefiel mir sehr vieles nicht. Man sieht auch ohne mein Warnen noch viele Spuren des Lohensteinischen Geschmacks darin. |
| ( ...) Wenn Titans erster Strahl der Gipfel Schnee vergüldet Und sein verklärter Blick die Nebel unterdrückt, So wird, was die Natur am prächtigsten gebildet, Mit immer neuer Lust von einem Berg erblickt; Durch den zerfahrnen Dunst von einer dünnen Wolke Eröffnet sich zugleich der Schauplatz einer Welt, Ein weiter Aufenthalt von mehr als einem Volke Zeigt alles auf einmal, was sein Bezirk enthält; Ein sanfter Schwindel schließt die allzu schwachen Augen, Die den zu breiten Kreis nicht durchzustrahlen taugen.
Ein angenehm Gemisch von Bergen, Fels und Seen Fällt nach und nach erbleicht, doch deutlich, ins Gesicht, Die blaue Ferne schließt ein Kranz beglänzter Höhen, Worauf ein schwarzer Wald die letzten Strahlen bricht; Bald zeigt ein nah Gebürg die sanft erhobnen Hügel, Wovon ein laut Geblök im Tale widerhallt; Bald scheint ein breiter See ein Meilen-langer Spiegel, Auf dessen glatter Flut ein zitternd Feuer wallt; Bald aber öffnet sich ein Strich von grünen Tälern, Die, hin und her gekrümmt, sich im Entfernen schmälern. Dort senkt ein kahler Berg die glatten Wände nieder, Den ein verjährtes Eis dem Himmel gleich getürmt, Sein frostiger Kristall schickt alle Strahlen wieder, Den die gestiegne Hitz im Krebs umsonst bestürmt. Nicht fern vom Eise streckt, voll Futter-reicher Weide, Ein fruchtbares Gebürg den breiten Rücken her; Sein sanfter Abhang glänzt von reifendem Getreide, Und seine Hügel sind von hundert Herden schwer. Den nahen Gegenstand von unterschiednen Zonen Trennt nur ein enges Tal, wo kühle Schatten wohnen.
Hier zeigt ein steiler Berg die Mauer-gleichen Spitzen, Ein Wald-Strom eilt hindurch und stürzet Fall auf Fall. Der dick beschäumte Fluß dringt durch der Felsen Ritzen Und schießt mit gäher Kraft weit über ihren Wall. Das dünne Wasser teilt des tiefen Falles Eile, In der verdeckten Luft schwebt ein bewegtes Grau, Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten Teile Und das entfernte Tal trinkt ein beständige Tau. Ein Wandrer sieht erstaunt im Himmel Ströme fließen, Die aus den Wolken fliehn und sich in Wolken gießen. ( ... ) |