Der Geist des Ortes
 
 

OBEN
Portraits

Tatzelwurn  

"Von Unterseen weg bis (...) herrscht der beynahe allgemeine Glaube, dass zuweilen nach einer schwülen Hitze, und wenn sich das Wetter bald zu ändern droht, sich eine Art von Schlangen (...) mit einem fast runden Kopf (...) und mit kurzen Füssen (...) sehen lasse, welche die Einwohner, denen eine Schlange überhaupt ein Wurm, und ein dicker Fuss ein Stollen ist, daher auch Stollenwürmer heissen (...)"
Samuel Studer «Über die Insekten dieser Gegend und etwas vom Stollenwurm» in: F.N. König «Reise in die Alpen», Bern, 1814 (1)

it diesen Worten wird eins der wenigen europäischen Fabeltiere beschrieben, dessen Existenz sich hartnäckig bis ins 19. und 20. Jahrhundert gerettet hat: Der Tatzelwurm.
Gemeint ist damit nicht der feuerspieiende Drache des Mittelalters, son-

dern ein "real-fiktives" Tier, das insbesondere im deutschsprachigen Alpenraum unter den Namen Tatzelwurm, Stollenwurm, Dazzelwurm, Praatzelwurm und auch Bergstutzen bekannt ist und somit zum quasi europäischen, allerdings kriechenden Äquivalent des asiatischen Yeti zu betrachten ist.

Seine erste wissenschaftliche Erwähnung finden wir in der "Historica animalium" des Zürichers Conrad Gessner (1516-1565), dem grössten Naturforscher seiner Zeit, der übrigens auch ein begeisterter Bergsteiger war ("Ich bin fest entschlossen, jedes Jahr einige Berge oder mind. einen zu besteigen (...) sowohl, um die Bergflora zu untersuchen, als meinem Körper eine edle Übung und meinem Geist eine Freude zu verschaffen"). In dieser gewaltigen mehrbändigen Enzyklopädie nahm Gessner, noch ganz Kind seiner Zeit, neben den bekannten Tieren auch Greif und Einhorn und eben den Tatzelwurm auf.

Auch in Publikationen des aufgeklärten 19. Jahrhunderts findet der Tatzelwurm eine Heimat. In dem 1853 erschienenen Werk "Das Thierleben der Alpenwelt" des Sankt Gallener Pfarrers und Schriftstellers Friederich von Tschudi, findet der Tatzelwurm ebenfalls Erwäh-

Tatzelwurm
Tatzelwurm, Skizze aus: Bernard Heuvelmans «Sur la Piste des Bêtes Ignorées»

nung, bemerkt aber dort kritisch: "Unseren Naturforschern ist es noch nichtgelungen, Skelette oder sichere Spuren solch grosser Schlangen aus der geschichtlichen Zeit in unserem Lande aufzufinden - und es wird auch nicht gelingen." (1) In der zehn Jahre später erschienenen sechsbändigen Erstausgabe des "Illustrierten Thierleben" (1864-1869) von Alfred Brehm fehlen die Fabeltiere gänzlich.

Dass der Tatzelwurm nicht nur ein zoologisches Objekt war, dass ausschliesslich in alten Büchern vorkam, davon zeugen eine Vielzahl von Augenzeugenberichten, insbesondere aus dem 19. Und 20. Jahrhundert. In seinem Werk "Sur la Piste des Bêtes Ignorée" berichtet der Vater der Kryptozoologie Bernhard Heuvelmans (1955):

" Im Jahr 1908 stand ein Berufsjäger, der das volle Vertrauen des österreichischen Hofrats Dr. A. von Drasenovitch besass, eines Tages plötzlich dem Tier gegenüber, und zwar bei Murau in der Steiermark, etwa 1500 Meter ü.M. Es sah aus wie ein riesiger Wurm von 50 Zentimetern Länge und 8 Zentimetern Dicke, allerdings mit vier kleinen Tatzen. Da der Jäger den schlechten Ruf des Reptils kannte, zog er sein Jagdmesser aus der Scheide, bevor er näher ging. Als er dem Tier schon ziemlich nahe war, sprang dieses ihn plötzlich an. Der Mann konnte ihm einige heftige Messerstiche zufügen, allerdings vermochte die Klinge die zähe Haut kaum zu durchdringen. Erst nach einem halben Dutzend wütender Angriffe zog sich der verletzte «Wurm» zurück und verschwand in einer engen Felsspalte. Trotz hartnäckiger Versuche gelang es dem Jäger nicht, ihn dort wieder aufzufinden und hervorzuholen. (Dieser Bericht wurde von Dr. von Drasenovitch verfasst gemäss der Erzählung des ihm gut bekannten Jägers.)" (1)

Es liegt natürlich nahe, dass ein Objekt wie der Tatzelwurm nicht immer Gegenstand einer seriösen Berichterstattung war. So verblüffte die "Berliner Illustrierte Zeitung" ihre Leser im April des Jahres 1934 mit dem Beitrag: "Rätselhafte Begegnung im Schweizer Hochgebirge: Der Tatzelwurm, das geheimnisvolle Fabeltier der Alpenwelt zum ersten Male fotografiert? Razzia auf den Tatzelwurm".

Heuvelmas berichtet dazu weiter, dass "(..) ein Fotograf namens Balkin versicherte, ohne es zu wollen ein Foto des mysteriösen Wesens aufgenommen zu haben. Als er in der Umgebung von Meiringen spazierenging in der Absicht, schöne Landschaftsaufnahmen zu machen, erblickte er etwas, das wie ein malerisches Stück eines Baumstrunks aussah. Das gäbe ein schönes Bild, sagte er sich. Er nahm das Objekt ins Visier, doch in dem Moment, als er den Auslöser betätigte, begann sich der

Tatzelwurm
Der" Meiringer Tatzelwurms" des Fotografen Balkin

Baumstrunk in eine in einer beunruhigenden Art zu bewegen und erwies sich als grosse lebendige Echse mit offensichtlich üblen Absichten. Der Fotograf nahm Reissaus, und stellte fest, nachdem er den Film entwickelt hatte, dass es ihm gelungen war, in freier Wildbahn ein absolut unbekannte Tier aufzunehmen. Auf der Fotografie sieht man klar und deutlich den Kopf einer Art von dickem «Fisch» mit ziemlich mürrischem Aussehen. Doch die Fische, das wissen wir alle, gehen gewöhnlich nicht bergsteigen.

Die «Berliner Illustrierte Zeitung» druckte die sensationelle Fotografie in der Folge nicht nur ab, sondern finanzierte auch zwei «Razzien» in der Region, in welcher sich der fotografierte Tatzelwurm herumtrieb. Das schlechte Wetter setzte den Nachforschungen jedoch ein rasches Ende. Und als das Wetter besser war, galt das Interesse der Öffentlichkeit bereits wieder anderen Dingen, weshalb die Tatzelwurm-Jagd der deutschen Zeitschrift nicht die erhoffte Publizität einbrachte..." (1)

Diese Fälle stellen natürlich nur einen Bruchteil der dokumentierten Sichtungsberichte dar, aus dem sich dennoch ein relativ einheitliches Bild dieses ungewöhnlichen Tieres ergibt. Demnach ergibt sich folgender Habitus:

Der Tatzelwurm ist ein schlangenartiges Wesen (Wurm) mit zwei brustständigen Füssen (Tatzen) bei einer Länge von 0,5 bis 1m und einem Körperdurchmesser von 0,25 - 0,3 m.

Tatzelwurm
Der Tatzelwurm vom Dachstein

Als "katzenartig" wird in der Regel der Kopf beschrieben, wobei die Haut schuppig und von unterschiedlicher Farbe sein soll, die von grau über grünlich bis schwarz beschrieben wird. Das Verbreitungsgebiet des Tatzelwurms ist der gesamte Alpenraum, insbesondere aber der deutschsprachige Teil; wobei aber noch angemerkt werden muss, dass es auch Berichte und Legenden aus anderen Teilen Europas gibt. Das Vorkommen des Tatzelwurms beschränkt sich auf die höheren Bergregionen, vor allem im hochalpinen Bereichen, wobei, und das liegt nahe, Steine und Geröll für sein Wohlbefinden wichtig sind.

Es stellt sich nun von selbst die Frage, um welche Art Tier es sich beim Tatzelwurm letztendlich handelt. Zur Klärung dieses Problems möchte ich den z. Z. wohl besten Kenner des Tatzelwurm-Problematik zitieren, den Schweizer Biologen Markus Kappeler, dessen

scharfsinniger Analyse sich der Autor uneingeschränkt anschliesst:

" Nach dem Eliminieren aller Augenzeugenberichte, die vermutlich auf Verwechslungen und Phantastereien beruhen, bleibt eine ganze Anzahl glaubwürdiger Beobachtungen übrig, welche die Existenz des Tatzelwurms - und damit eines bisher von der Wissenschaft nicht beschriebenen Alpenwildtiers - annehmen lassen. «Diese 65 Geschichten können unmöglich alle aus der Luft und Phantasie genommen sein», schreibt beispielsweise Jakob Nicolussi nach der Sichtung aller ihm zur Verfügung stehenden Berichte über Begegnungen mit Tatzelwürmern. Ähnlich wie Jakob Nicolussi würde ich den Tatzelwurm aufgrund seiner äusseren Erscheinung, seines Lebensraums und seines Verhaltens - so wie dies aus den verschiedenen Augenzeugenberichten hervorgeht - am ehesten in der Verwandtschaft der Echsen ansiedeln. Ob es sich um einen europäischen Verwandten der neuweltlichen Krustenechsen handelt, wie Nicolussi vorschlägt, sei dahingestellt. Meiner Meinung nach hat Nicolussi der angeblichen Giftigkeit und dem aggressiven Wesen des Tatzelwurms zu viel Beachtung geschenkt. (1)

Ich füge hier nebst einem Bild der Gila-Krustenechse je ein Bild der Stutzechse und der Handwühle an. Letztere beiden kommen den von den Tatzelwurm-Augenzeugen gemachten «Phantombildern» in ihrer Gestalt eher näher als die Gila-Krustenechse. Ich will damit nicht andeuten, dass dies weitere Kandidaten für die Verwandtschaft des Tatzel-

Stutzechse
Stutzechse oder Tannenzapfenechse

wurms sind. Vielmehr möchte ich zeigen, dass sich der Einfallsreichtum der Natur gerade bei der Echsenverwandtschaft als unglaublich erweist. Warum also soll es sich beim Tatzelwurm nicht um eine eigenständige Entwicklung der Kriechtierfauna des Alpenraums handeln?" (1)

Also, biologisch betrachtet ist seine Existenz durchaus denkbar - aber wo ist er geblieben, wie lässt sich sein Verschwinden erklären? Waren gerade im 19. Jahrhundert Sichtungsberichte noch häufig, nimmt ihre Zahl im Laufe des 20. Jahrhunderts deutlich ab. Sichtungen des Tatzelwurms soll es noch in Südtirol bis zur Mitte der Zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gegen haben.

Gründe für einen Rückgang des Tieres sind das Erschliessen immer weiterer Teile alpiner Regionen für den Massentourismus, der ja mittlerweile auch die entlegensten Teile der Alpen berührt, sowie die Ausbreitung der Siedlungsgebiete der Menschen.

Ist er nun ausgestorben oder leben irgendwo, vielleicht in einem abgelegenen Seitental in Tirol, noch einige Exemplare des Tatzelwurms? Viele mögen den Tatzelwurm für ein Fabeltier halten, eine Legende, aber war nicht auch das in manchem Zoo zu bewundernde Okapi bis zu seiner Entdeckung 1901 ein Fabeltier oder auch der Quastenflosser, jener Urtümliche Fisch, von dem es bis zu seiner Entdeckung 1938 nur Versteinerungen gab? Selbst im letzten Jahrzehnt gab es noch unglaubliche Entdeckungen wie zum Beispiel 1992 der Himalaya-Elefant oder ein Jahr später in Vietnamesischen Urwald der Spindelbock bzw. Vu-Quang-Rind! Wurde diese mysteriöse Spezies von uns Menschen ausgerottet, bevor sie überhaupt wissenschaftlich beschrieben werden konnte, obwohl sie quasi direkt vor unserer Haustür lebte?

 

P.S.

An dieser Stelle möchte ich den Gedanken von Markus Kappeler aufgreifen, der hofft, dass sich vielleicht jemand findet, der "dieser Sache mit Engagement, Kamera und Schlangenfängerausrüstung auf den Grund zu gehen gewillt ist - und womöglich in einer unwegsamen Geröllhalde zuhinterst in einem stillen Seitental des Südtirols die grösste Echse Europas ausfindig macht!"

Ich weiss nicht ob Markus Kappeler soweit geht wie die schon zitierte "Berliner Illustrierte Zeitung", die 1935 eine Belohnung von 1000 Mark (ca. 500 Euro ?) für den Fang eines Tatzelwurms in Aussicht stellte.

Also Wanderer, kommst du nach Südtirol, sperre deine Augen auf!

... andere Würmer:
Der Haselwurm
Die Krönleinschlange



Quelle:Internet; 1. Markus Kappeler:markuskappeler.ch



LINK zun Thema

Hervorragende und sehr umfangreiche Seite zum mit vielen Informationen. Für Leser die mehr wissen wollen!
Link:markuskappeler.ch

 emmet.de ist nicht für die Inhalte externer Webseiten verantwortlich


Bergsteiger

© emmet 5-2008

 

 

Counter by WebHits Counter