Der Geist des Ortes

 
 

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Johann Jakob Scheuchzer
Johann Jakob Scheuchzer Johann Jakob Scheuchzer

nteresse sowie ein neues Naturverständnis motivierten im 17. Jh. die Menschen zu vermehrten Reisen in die Bergwelt. Einer von ihnen, der Zürcher Mediziner und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer, wurde zu einem der bedeutendsten Universalgelehrten, den die Schweiz je hervor-

gebracht hat. Als Mensch des Übergangs, lässt er ein modernes, auf Descartes fussendes mechanistisches Weltbild und die Offenbarungswahrheit der Bibel nebeneinander gelten.

Es war eine Zeit der Veränderungen, in die Johann Jakob Scheuchzer am 2. August 1672 als Sohn eines Stadtarztes in Zürich geboren wurde. Das geistige Leben war in der damaligen Schweiz noch sehr beengt, die Geistlichkeit dominierte, Tanz und Theater galten als unsittlich und waren verboten. Aber humanistische und aufklärerische Gedanken verbreiteten sich. Die Forderung des Züricher Griechischlehrers Johann Heinrich Schwyzer, die Kirche habe sich dem Staat unterzuordnen, war geradezu eine Revolution und stiess auf schärfsten Widerspruch. In Europa wurden neue Denkgebäude zur Basis der Naturforschung: Isaac Newtons Erkenntnis der theoretischen Physik, Francis Bacons Philosophie der Beobachtung der Wirklichkeit als Voraussetzung für wissenschaftliche Forschung und im eigenen Land versuchte der Baseler Mathematiker Jacob Bernoulli, den "alten Müttergen, Gernglaubigen und Laien" zu erklären, warum ein Komet kein Wahrzeichen Gottes für die Sünden der Gegenwart sei, sondern ein naturwissenschaftlich erklärbarer Himmelskörper.

Der aufgeweckte und intelligente Junge besuchte bereits als Dreijähriger die erste Schule und führte schon sieben Jahre später eine Diskussion in perfektem Latein. Weitere Stationen auf seinem Weg zu einer umfassenden Bildung waren 1692 ein mit 200 Gulden ausgestattetes Stipendium der Medizin in Altdorf bei Nürnberg, das er aber wegen schleppenden Fortgangs auf Drängen seiner Züricher Verwandtschaft aufgab und deshalb im August 1693 nach Utrecht wechselte, um bereits Ende Januar 1694 zum Dr. med. zu promovieren. In diesem Jahr unternahm er, angeregt durch den Rektor der Leipziger Universität, August Quirinus Rivinus, seine erste Gebirgsreise.

Johann Jakob Scheuchzer
Johann Jakob Scheuchzer

Zu jener Zeit gab es in Zürich nur vier amtliche Medizinalstellen (Poliater), und so hiess es für Scheuchzer sich so lange zu gedulden, bis ein Kollege durch Tod seine Stelle räumte. Da der junge Mann nicht ohne Tätigkeit sein konnte, wirkte er als Mitarbeiter in örtlichen Gesellschaften und Akademien mit. Auf diese Weise konnte er sich in der Stadt als Wissenschaftler einen Namen machen und Schüler für seinen Privatunterricht gewinnen. Mit dem Tode des Züricher Waisenhausarztes Johann Jakob Wagner, Verfasser einer ersten "Historia naturalis Helvetiae curiosa" (Zürich 1689), kam Scheuchzer 1695 in Amt und Würden. Zu seinen Aufgaben gehörte neben der Pflege der Bürgerbibliothek auch die der Kunst- und Naturalienkammer. Hier reifte in ihm der Gedanke zu einer umfassenden naturkundlichen Beschreibung der Schweizer Alpenwelt und er unternahm seine ersten Reisen, die ihn bis 1714 durch das ganze Land führten.


Die Züricher Stdtbibliothek
zur Zeit Scheuchzers

Um sein Vorhaben möglichst effektiv durchführen zu können, verfasste er mit der "Charta invitatoria" einen detaillierten Fragenkatalog in deutscher und lateinischer Sprache, den er über Freunde überall im Land breit streuen liess. Die Resonanz auf die 220 Fragen nach Wetter, Temperatur, Pflanzen, Tieren usw., war allerdings wegen der geringen Beteiligung ernüchternd.

Als fortschrittlicher und aufgeklärter Geist lag Scheuchzer viel an der Hebung der allgemeinen Volksbildung und das nicht nur hinsichtlich des reinen Wissens: Um die volkstümliche Meinung zu widerlegen, daß die Gewitter am Pilatussee von Dämonen herrührten, sobald man dem See näher kommen würde oder gar einen Gegenstand in ihn werfe, suchte Scheuchzer den Ort auf und wagte die Probe in einer öffentlichen Inszenierung. Später schrieb er darüber: "Heutzutage ist man nicht mehr so skrupulös. Ich selbst habe im Beisein

der Sennen, welche diese Fabeln verlachen, Stein, Holz und anderes nicht nur einmal in diese Pfütze geworfen ohne Gefahr und Schaden" (Helvetiae, 1716). In diesem Zusammenhang veröffentlichte er die Ergebnisse seiner Forschungen der Jahre 1705 - 1707 in den "Seltsamen Naturgeschichten des Schweizer-Lands wochentliche Erzehlung", einem populär gehaltenen Wochenblatt für die Laien, das später unter dem Titel "Naturgeschichte des Schweizer-Lands" in einem dreibändigen Werk veröffentlicht wurde. Aus dem gleichen Grund schrieb er übrigens auch seine "Physica, oder Natur-Wissenschaft", die erstmals 1701 erschien - das ersten "Physik"- Lehrbuch in deutscher Sprache.

Auf seinen Reisen in die Schweizer Alpen war er mit wissenschaftlichen Instrumenten bestens ausgerüstet. Als erster Forscher führte Scheuchzer Höhenmessungen mit barometrischen Instrumenten statt der wesentlich unzuverlässigeren trigonometrischen durch, seine klimatologischen Forschungen führten zur Abfassung regelmässiger Wetterberichte. Durch Untersuchungen an Bergkristallen begründete er mit dem Luzerner Stadtphysikus Moritz Anton Kappeler und seinem Schüler Heinrich Hottinger die moderne Kristallographie.

"Homo diluvii testis"
"Homo diluvii testis"

Ein besonderes Interesse Scheuchzers galt der Paläontologe. Anfangs (z. B. in seiner "Lithographia Helvetica") hielt er die Versteinerungen für "Naturspiele", "Figurensteine" oder Überreste der Sintflut, wurde aber durch das Buch "Essay toward a Natural History of the earth" von J. Woodward (1692), das er 1704 ins Lateinische übersetzte, von der aufgeklärten Möglichkeit überzeugt. Anfänglich versuchte er sogar aus bestimmten Pflanzenresten (Pappel-Kätzchen) den Monat zu bestimmen, in dem die Sintflut begonnen hat. Er befaßte sich auch mit tierischen Fossilien (1708: "Piscium querele et vindicae") und beschrieb schließlich 1726 in den "Philosophical Transactions of the Royal Society" das Skelett eines in der Sintflut ertrunkenen Menschen als "Homo diluvii testis" , das jedoch der grosse Paläontologe Georges Cuvier (1769-1832) als einem Riesensalamander zugehörig erkannte und Scheuchzer zu Ehren mit dem Namen Andrias Scheuchzeri belegte. Als Mensch des Übergangs lässt er für sich ein auf

Descartes fussendes mechanistisches Weltbild und die Offenbarungswahrheit der Bibel nebeneinander gelten. Auf der einen Seite sind die Naturgesetze Anlass, "die preisswürdige Weissheit und Güte" Gottes zu bemerken um sie auf der anderen sie mit seiner Allmacht zu durchbrechen.

Sein wichtigstes Werk über Fossilien, insbesondere fossile Pflanzen, ist aber das 1709 erschienene "Herbarium diluvianum", mit dem er zum Begründer der Paläobotanik wurde. Auf 14 Tafeln, von denen jede einem zeitgenössischen Gelehrten gewidmet ist, sind Pflanzenabdrücke, vor allem aus dem Karbon, Perm und Tertiär dargestellt.

Die Zeichnungen sind so naturgetreu, daß man viele der dargestellten Objekte "bis auf die Art genau anzusprechen vermag". Sein "Herbarium diluvianum" blieb ein Jahrhundert lang das einzige, ausschliesslich den fossilen Pflanzen gewidmete Werk und sichert seinem Verfasser einen Ehrenplatz in der geschichte der Botanik. Seine umfangreiche Sammlung von Versteinerungen und Mineralien ist heute im Paläontologischen Museum von Zürich zu bewundern.

Scheuchzer
Blatt 13: Summi Revdo Dn Eberhardo Friderico Hiemero S. S. Theol. D. Sermo Wirtenbe-gensi Duci à Goncionibus et Consiliis aulicis.
aus: Herbarium Diluvianum, zweite Ausgabe, 1723.

Im Rahmen seiner Forschertätigkeit innerhalb der Schweiz entstand 1713 die "Nova Helvetiae tabula geographica", eine 4 blättrige Karte der Schweiz, die lange Zeit als die "gültige" galt.

Mittlerweile war Scheuchzer in den wissenschaftlichen Kreisen Europas kein unbekannter mehr. So erschien eine seiner ersten Veröffentlichungen, die "Itinera alpina tria" in London unter der Schirmherrschaft der Royal Society, deren damaliger Präsident Isaac Newton aus eigener Schatulle 20 Pfund zur Drucklegung beisteuerte. Seine Reputation war so gross, dass ihm 1710 der russische Zar Peter der Grosse, auf Empfehlung von Leibniz, die glänzend dotierte Stelle als Leibarzt anbot, die er aber aus Liebe zu seiner Heimat nicht annahm.

Doch die Züricher, dankten es ihm nicht! Sie betrachteten den grossen Sohn ihrer Stadt nach wie vor argwöhnisch und voller Misstrauen - war er doch ein Kopf voller Neuerungen. Den direkten Unbill der Züricher Geistlichkeit zog sich Scheuchzer 1720 mit dem Werk "Jobi physica sacra, oder Hiobs Natur-Wissenschaft verglichen mit der heutigen" zu. Diese "Physica sacra" oder "Kupfer-Bibel" ("in welcher die Physica Sacra oder Geheiligte Natur-Wissenschafft derer in Heil. Schrifft vorkommenden natürlichen Sachen deutlich erklärt und bewährt") war der Versuch, der Darstellung eines Gottesbeweises durch die Naturforschung. Dem Leser werden naturwissenschaftliche Erklärungen zu den biblischen Realien geliefert, und zwar von der Schöpfungsgeschichte an bis zur Johannesapokalypse. Natürlich wurde die Druckgenehmigung bei so einem heiklen Thema mit Hinweis auf die Streichung der kopernikanische Lehre und andere Anstössigkeiten verweigert - er musste sich wohl oder übel fügen.

Die "Physica sacra" wurde dann aber doch noch gedruckt und sollte mit ihren 2098 Seiten in 4 Foliobänden und 750 Kupfern zu einem ein Meisterwerk barocker Buchkunst werden. Dieses verlegerische Grossunternehmen war eine derartig gigantische Leistung, dass Scheuchzer zwar das Manuskript noch abschliessen konnte, die Vollendung der Drucklegung aber nicht mehr erlebte - die lateinische und die deutsche Ausgabe erschienen 1731-1735 in Augsburg, wenig später folgten eine französische und eine holländische. Zur Absicherung gegenüber dem argwöhnischen Klerus führt Scheuchzer im Vorwort auf 30 Seiten nicht weniger als 287 Gewährsleute auf, darunter zahlreiche von der Kirche anerkannte Theologen, jede Bibelstelle wird in der Lutherschen wie in der Züricher Übersetzung geboten.

Auf den ersten Blick wird uns Scheuchzers "Physica sacra" als bizarrer Versuch eines religiösen Phantasten, wenn auch ansonsten grossen Naturforschers erscheinen, naturwissenschaftliche Tatsachen in der Bibel zu erklären, dessen oft unfreiwillige Komik das Vergnügen des heutigen Lesers erhöht. Andererseits befindet er sich mit der Erklärung der "besten aller Welten" mit Brockes' "Irdisches Vergnügen in Gott" (9 Bände, 1721-1748) und Voltaire's "Candide" (Genf 1759) in bester Gesellschaft. In diesem Zusammenhang wäre es mehr als ungerecht, Scheuchzer wegen seiner zuletzt genannten Veröffentlichungen geringschätzig zu beurteilen - er war wie wir alle ein Kind seiner Zeit.

Scheuchzer -Kupfer-Bibel
Abbildung rechts: Tafel 46 aus Scheuchzers "Kupfer-Bibel" mit den gefalteten Sedimentbänken der Urner Alpen , deren Ablagerung Scheuchzer auf die Sintflut zurückführte: "Das Zeugnis der Sünd-Fluth ist in die harteste Felsen eingeschrieben; Beschaue die in ordentliche Lager [Schichten] getheilte, und aus denselben gleichsam aufgebaute Berge, so sind sie augenscheinlich von irdischen
Theilen entstanden, welche durch eine sehr hohe Wasser-Säule sich anfaenglich gesetzet, so dann aber wieder gebrochen und aufgehoben worden"

Im Januar 1733 wurde endlich die Physikprofessur am Züricher Carolinum durch den Tod von Johann von Muralt vakant, eine Position, die er schon immer hatte einnehmen wollen. Scheuchzer war endlich am Ziel. Aber die Geschichte ist oft nicht ohne Ironie - er war mittlerweile 88 Jahre alt und starb im Juni desselben Jahres.

Johann Jakob Scheuchzer war einer der bedeutendsten Polyhistoren, die die Schweiz hervorgebracht hat (siehe auch: Konrad Gessner). Seine ausserordentliche Schaffenskraft und eine vielseitige Begabung setzten ihn in die Lage, das gesamte zeitgenössische Wissen zu überschauen. In seinem riesigen Nachlass finden sich noch umfangreiche , nicht abgeschlossene Arbeiten zur Naturgeschichte, auch die "Naturgeschichte des Schweitzerlandes" hat er nicht zuende bringen könne, sie blieb Fragment. Auch im Ausland, insbesondere in England, war die Wirkung seiner Arbeit bedeutend - man kann ohne zu übertreiben sagen, dass Scheuchzer das Bild der Schweiz, wie man es im Ausland sah, entscheidend mitgestaltet hat. Noch Friedrich Schiller benutzte Scheuchzers Naturgeschichte für seinen "Wilhelm Tell" (1803). Ihm zu Ehren tragen das Scheuchzerhorn im Berner Oberland und die Blumensimse Scheuchzeria seinen Namen.

Siehe auch:
J. J. Scheuchzer: Erklärungsversuche

Horace-Bénédict de Saussure
Belesazar Hacquet

Quelle: Internet; Gratzel,K., Mythos Berg, Hollinek; Seitz,G., Wo Europa den Himmel berührt, Artemis Verlag

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