Genius Loci
Der Geist des Ortes
 
 

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Portraits

Petrarca
Petrarca

"Den höchsten Berg dieser Gegend, den man nicht unverdient Ventosus, den Windum-brausten, nennt, habe ich am heutigen Tage bestiegen, einzig von der Begierde getrieben, diese ungewöhnliche Höhenregion mit eigenen Augen zu sehen".
Francesco Petrarca

 

it diesen Worten beginnt der Bericht über die wahrscheinlich erste überlieferte Darstellung der freiwilligen Besteigung eines Gipfels, zumindest ist von keiner anderen etwas derartiges überliefert.
Am 26. April des Jahres 1336 erreichte Francesco Petrarca, "lediglich aus

Verlangen", zusammen mit seinem Bruder und zwei weiteren Begleitern den Gipfel des Mont Ventoux, den Windberg. Man bezeichnet ihn als den "Vater der Bergsteiger" und den 26.April 1336 als den "Geburtstag des Alpinismus".

Der italienische Dichter und Humanist Francesco Petrarca wurde am 20. Juli 1304 in Arezzo als Sohn eines Notars geboren. Sein Vater war 1302 zusammen mit Dante aus Florenz verbannt worden und lebte später in Avignon. Dorthin übersiedelte auch Petrarca, um Jura zu studieren. Hier begegnete er am 6.4. 1327 der Frau, die sein ganzes weiteres Leben dominierte: in einer Kirche lernte er die Dame Laura de Sade kennen, die Gattin des Hugo de Sade.

Im Dienste des Kardinals von Colonna bereiste Petrarca viele Länder, von 1330-47 war er in Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und Italien. In Rom setzte er sich intensiv mit der Antike auseinander und wurde 1341 zum Dichter gekrönt. Von 1353 an lebte Petrarca acht Jahre lang in Mailand bei den Visconti, als deren Gesandter er 1356 bei Kaiser Karl IV. in Prag war. Danach hielt er sich in Venedig und Arquà bei Padua auf, wo er am 19. Juli 1374 verstarb.

Francesco Petrarca
Dichterkrönung des Francesco Petrarca

Vorbild für mehrere Jahrhunderte war Petrarcas Liebesdichtung. In ihr verband der Dichter die traditionelle Troubadourlyrik mit seinem eigenen Stil, in dem das persönliche Erleben der sinnlich-erotischen Beziehung zu seiner Geliebten "Laura" Ausdruck fand. Seine formvollendeten Sonette und Kanzonen sind im "Canzoniere" gesammelt.

Der Mont Ventoux als Landmarke und Wahrzeichen der Provence, ist 1912 m hoch, aus heutiger Sicht nicht unbedingt das, was man einen hohen Berg nennen kann und aus bergsteigerischer Betrachtungsweise eher harmlos. Von seinem kahlen Gipfel hat man einen weiten Blick in die umliegende Landschaft, es soll eine der weitesten Aussichten in ganz Europa sein. In der Ferne, aber gut zu erkennen sind die historischen Städte Avignon und Orange im Rhone-Tal. Der Name 'Ventoux' geht wahrscheinlich in das erste oder zweite Jahrhundert zurück und kommt ursprünglich von Vintur, dem Namen eines Berggottes; in keltischer Sprache bedeutet Ven-Top einen schneebedeckten Gipfel.

Arezzo
Über den Dächern von Arezzo

Heute führen natürlich Straßen auf den, wie Petrarca sagt "Wollkenverhüllten", dessen kahler Gipfel ein Observatorium, eine Wallfahrtskirche und ein Hotel trägt. Jährlich pilgern tausende von Menschen auf den Berg - nicht es dem grossen Dichter gleichzutun oder um einer Wallfahrt willen. Nein - der Grund ist wesentlich profaner: der Berg ist zur Weihestätte des Radsports geworden, denn im Rahmen der Tour de France wird er regelmässig zum Heiligen Berg, zum "Olymp" des Radsports.

Aber wenden wir uns jetzt wieder Petrarca zu.
Am 26. April 1336 bestieg Francesco Petrarca den Mont Ventoux. Das ist auf den ersten Blick nichts ungewöhnliches, aber im Hinblick auf das Jahr 1336 erscheint diese Tat, ein für seine Zeit höchst ungewöhnliches Unternehmen, in einem anderen Blickwinkel. Das Innovative an Petrarcas Ausflug war, dass er ohne festen Zweck und aus bloßer Neugierde unternommen wurde und er dann auch noch darüber schrieb. Einen hohen Berg zu besteigen, noch dazu ohne ein praktisches Ziel, nur um des Naturerlebnisses willen, war für das Mittelalter undenkbar.

Eitle Neugier war es, die Geheimnisse der Natur ergründen zu wollen, und wer es versuchte, mußte bestraft werden: Hausten nicht böse Geister auf den Spitzen der Berge, waren sie nicht Sitz übler Dämonen? Der fromme Mensch des Mittelalters glaubte, die geistige Heimat gab es nur in Gott. Solches Handeln hat das Mittelalter beendet und die Neuzeit möglich gemacht - Petrarca ist hier ein kühner Neuerer - die Besteigung des Mont Ventoux markiert den Anfang einer neuen Zeit: Humanismus und Renaissance. Anstatt nach der Geborgenheit im Glauben zu streben, betrachteten die Humanisten das Christentum gleichsam als die natürliche Religion; der Mensch selbst, das Individuum trat in den Mittelpunkt.

Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio beschreiben als Dichter und Neuerer zum ersten Mal seit der Antike das natürliche gesellschaftliche Leben in all seinen Schattierungen im Gegensatz zum mythischen Ritterroman des Hochmittelalters; Leon Battista Alberti entwickelte die Lehre von der Perspektive, in der ein Bild nicht mehr den Zugang zum Kosmos bedeutete, sondern auf einen menschlichen Blickpunkt zentriert war.

Petrarcas Werk stellt in der Literaturgeschichte den Übergang von mittelalterlicher Tradition, der Dante noch verpflichtet war, zur neuzeitlichen Literatur dar; seine Naturschilderungen sind die ersten in der europäischen Literatur. Dazu gehört auch sein Begriff von Natur und Landschaft. Und Petrarca fühlte sie und schreibt:

Petrarca
Francesco Petraraca

Kein Holz in dieser Berge Felsgeröll
Nicht Zweig noch grünes Laub auf diesen Matten
Noch Blume oder Grashalm dort im Tal ist,
kein Tropfen Wasser tritt aus dieser Quelle,
kein Wild so scheu aus dieser Wälder Schatten,
die zweifelten, wie bitter meine Qual ist.

Er entdeckte durch bewusste Wahrnehmung der Natur das, was wir Geopsyche nennen, die Ausstrahlung, die Seele eines Ortes, das, was die Alten "genius loci" nannten. »Es ist etwas in der Örtlichkeit, es ist sogar sehr viel in ihr«, sagt Petrarca.

Er blickt nach innen, sieht den eigenen Fortschritt, aber auch die eigene Unvollkommenheit beim Anblick der Natur - der Berg wird ihm dabei zur Allegorie des Lebens: »Auf den Gipfel ist das Ziel und das Ende unseres Lebens, auf ihn ist unsere Wallfahrt gerichtet.« Daß sich ein wirkliches Naturerlebnis mit Reflexion verbindet, wird jeder nachvollziehen, der einen Berg bestiegen hat.

Seine Erlebnisse und Erfahrungen schrieb er schliesslich in Form eines literarischen Briefes nieder, den er unmittelbar nach dem Abstieg in einer Herberge verfaßte. Empfänger war sein väterlichen und gelehrter Freund François-Denis aus Borgo Sepolcro.

Vieles von dem, was wir in seinem Bericht lesen, klingt gar nicht so viel anders als heute - zum Beispiel das Problem der Gefährtenwahl: "… bei dem einen schreckte mich die Schweigsamkeit, beim anderen die Geschwätzigkeit, bei einem seines Leibes Gewicht und Fette, beim anderen die Magerkeit und Schwäche." Die Wahl viel schliesslich auf seinen Bruder und vom letzten Rastort auf zwei Landsleute Dass sich Charaktereigenschaften und Gewohnheiten von Bergkameraden unterwegs mehr oder weniger unliebsam bemerkbar machen, wie der unterschiedliche Elan von Petrarca und seinem Bruder, ist jedem Bergsteiger und Wanderer wohlbekannt.

Am Berg beschwor sie ein alter Hirte, umzukehren; er habe vor fünfzig Jahren dasselbe versucht und nichts als Reue, zerschlagene Glieder und zerfetzte Kleider heimgebracht; vorher und seitdem habe sich niemand mehr an diesem Weg versucht. Aber sie dringen unter grossen Mühe weiter empor, bis die Wolken unter ihren Füssen schweben, und erreichen den Gipfel.

Petrarca hatte bei Livius gelesen, daß in der Antike derartige Bergbesteigungen zum Reiseprogramm der Kaiser und Könige gehörten; Philipp von Mazedonien bestieg zum Beispiel den Haimon, um vom Gipfel einen Blick auf die sein Reich begrenzenden Meere zu haben.

Zunächst ist auch für Petrarca die Nachahmung des antiken Vorbildes treibendes Motiv, also die Besteigung eines Berges und die Aussicht. Während des Aufstiegs aber entwickelt sich bei ihm vieI stärker ein zweites Motiv: Je größer die Anstrengungen werden, desto intensiver wird seine Selbstwahrnehmung; Körpergefühl und Selbstwußtsein bilden sich über jedes bisher ihm bekannte Mass hinaus. Da er aber an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit stösst, wird er sich auch des Risikos bewußt, in das er sich begeben hat und die lustvolle Selbsterfahrung droht in Angst umzuschlagen. Er wird mit der Angst fertig, indem er nach einer Begründung für sein Unternehmen sucht, die über die Nachahmung des antiken Beispiels hinausgeht.

Petrarca
Francesco Petraraca

Auf dem Gipfel ist er überwältigt von der Weite des Blicks: "Die Berge der Provinz von Lyon hingegen zur Rechten, zur Linken sogar der Golf von Marseille und der, der an Aigues-Mortes brandet, waren ganz deutlich zu sehen, obwohl dies alles einige Tagereisen entfernt ist. Die Rhône lag geradezu unter meinen Augen," schrieb Petraca in "Die Besteigung des Mont Ventoux". Eine detaillierte Beschreibung der Aussicht erwartet man nun allerdings vergebens, nicht weil Petrarca unempfindlich wäre, sondern im Gegenteil, weil der Eindruck allzu gewaltig auf ihn wirkt.

Der Dichter genoss den Ausblick nicht lange, sondern setzte sich auf einen Felsen und las, wie er berichtete, im mitgenommenen "Confessiones", den Bekenntnissen des Kirchvaters Augustinus. Er war nun hin- und hergerissen von den Heiligen Texten des Geistes und dem Heiligen Anblick der Landschaft, die sich ihm auftat. Dort entdeckte er sogleich den moralischen Einspruch gegen das lustvolle Vergnügen am Blick auf die Landschaft: "Und es gehen die Menschen hin, zu bewundern die Höhen der Berge und die gewaltigen Fluten des Meeres und das Fließen der breitesten Ströme und des Ozeans Umlauf und die Kreisbahnen der Gestirne - und verlassen dabei sich selbst." Sein Bruder, dem er diese Worte vorliest, kann nicht begreifen, warum er hierauf das Buch schliesst und schweigt.

So verwandelt sich für Petrarca sein praktisches Tun in ein theoretisches, in anschauende Betrachtung des Weltzusammenhangs, den der Schöpfer dieser Welt gestiftet hat. Diese Betrachtung ist ein Mittel, sich selbst als Bestandteil jenes Weltzusammenhangs zu erfahren.

"Auf den Gipfel ist das Ziel und das Ende unseres Lebens, auf ihn ist unsere Wallfahrt gerichtet."
Francesco Petrarca

Petrarca

Quelle: Internet


Bergsteiger

© emmet 5-2008

 

 

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