 Der Geist des Ortes
| | |  OBEN | |  | uch dem Berggott Nyenchen Thanglha erging es im 8. Jahrh. nicht anders als vielen seiner Mitgöttern: auch er wurde, wie wir in der Padma-sambhava-Biografie von Yeshe Tsogyal lesen, vom grossen Guru unter Eid gestellt, um die buddhistische Welt als Dharmapala zu beschützen. | | Sitz dieses Berggottes und seiner Verkörperungen ist der ca. 100 Kilometer nordwestlich von Lhasa aus der tibetischen Hochebene aufragende gleichnamige Berg Nyenchen Thanglha. Der Gott Nyenchen Thanglha gilt als einer der bedeutendsten, wenn nicht sogar als der grösste aller tibetischen Berggottheiten.
| | Wenn man vom Nyenchen-Thanglha spricht, sollte man bedenken, dass mit dem Begriff nicht nur der höchste Gipfel gemeint ist, sondern auch die gesamte ca. 50 km lange Bergkette südlich des Namtso (Tengri Nor), des grössten Sees Tibets, die das Yarlung-Tsangpo-Tal von der Jangthang-Ebene trennt. Mit einer Höhe von 7088 m ist der Nyenchen-Thanglha die höchste Erhebung im östlichen Transhimalaya und bildet damit die Grenze zwischen dem trockenen Nordtibet und dem fruchtbaren Süden. |  | | Nyenchen Thanglha bedeutet aus dem tibetischen übersetzt soviel wie der "grosser Nyen (Nyenchen) , Gott der Himmelsebenen (Thanglha)". Auch unter dem Namen Thanglha Yashur, Yashur Nyengyilha, Dorje Barwatsel oder Dorje Chorabtsel ist Nyenchen Thanglha allen Tibetern als heilbringender, gütiger und mächtiger Geist ein Begriff. | | Das muss nicht immer so gewesen sein. Der Berggott ge-hörte im vorbuddhistischen Tibet zu den Nyen, einer Klasse von alten Bön (Bon)-Berggottheiten, die den Menschen nicht immer wohlgeson-nen waren und durch Opfergaben günstig gestimmt werden mussten. Zu jener Zeit war Thanglha ein lokaler, aber relativ mächtiger auf dem Hauptgipfel residierender Schutzgott und nur einer unter den | Nyenchen Thanglha | |
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| vielen Nyen. Wegen seiner wachsenden Bedeutung und seiner Stärke wurde er vom Thanglha zum Nyenchen Thanglha, dem "grossen Nyen", dem Berggott des Nordens. | | Und Padmasambhava machte ihn letztendlich zu dem, was er heute ist: zu einem der bedeutensten Dharmapalas und wichtigsten Gottheiten des tibetischen Hochlandes, wenn nicht sogar zum "König" der Berggötter." Seine Gefolgschaft besteht aus 360 weniger bedeutenden Göttern der Himmelsebene, die auf den 360 Gipfeln der Nyenchen- Thanglha- Kette ihre Wohnstatt haben und allesamt "als seine Emanationen angesehen werden" (2). Um Schaden vom Dharma abzuwenden, ist er mit seinem Gefolge, das auch als die "Götter des Weltalls" oder "Götter der Weltschöpfung" bezeichnet wird, ständig unterwegs. |  | | Neben Genyen Kulahari auf dem Kula Kangri im Süden, Yarlha Shampo auf dem namensgleichen Berg im Osten und Nöjin Kangwa Sangpo auf dem Nöjin Kangsang im Westen, ist Nyenchen Thanglha mit seinem namensgleichen Wohnsitz der berühmteste und wichtigste unter den schutzspendenden Gipfeln; sie werden auch als die "vier heiligen Berge Tibets" betrachtet. Diese heiligen Berge, quasi Eckpfeiler des mythischen Yarlung- Tibets zur Zeit der legendären tibetischen Könige, geben in ihrer Ausdehnung eine gute Vorstellung davon, wie gross der Siedlungsraum zu dieser Zeit gewesen sein muss. Aufgrund von Traditionen oder politischen Machtverhältnissen ist dieses System nicht starr festgelegt, sondern variiert regional. In einem jüngeren Vierersystem rückt an Stelle des erwähnten Nöjin Kangsang im Westen der Kailash (Tise Lhatsen). | | Besonders interessant durch die Erwähnung in manchen Quellen, ist das Auftauchen eines fünften Berges als Urahn oder Urkönig: der Ode (Öde) Gunggyal. Er wird in diesem Zusammenhang auch als Vater des Nyenchen Thanglha bezeichnet und gilt in einem Schöpfungsmythos als erster Nachkomme der tibetischen Menschen. "Dieser sein Vater nämlich gilt als einer der ersten Nachkommen des ersten Menschenpaares, des Yemön und seiner Gemahlin, die nach den ältesten Überlieferungen aus dem "Weltei" entstanden waren. Ode gunggyal hatte vier Frauen und 35 Söhne; eine seiner Gattinnen war die Nyanmo , die die "Neun Nyantsha" gebar. Eine verwandte Tradition spricht von einer weiteren Göttergruppe, den sog. Neun Weltenschöpfern [..]; das sind Ode Gunggyal und seine acht Söhne : Yarlha shampo, Nyantschen thanglha, Matschen porma, Gyogtschen dongra, Jobo gyulgyal und Seú kharag", so Rudolf Kaschewsky (3). Öde Gunggyal wird auch als Vater von acht Berg-Ahn-Schutzgeistern innerhalb eines neungliedrigen Systems gesehen, das als die "Neun Geister der Weltschöpfung" bezeichnet wird. | | Der gleiche Autor berichtet von einem weiteren System innerhalb der Nyingmapa- bzw. Kagyüpa-Schule, das den Nyenchen Thanglha unter den acht Göttern der "Grossen Schneeberge" neben dem "König der Schneeberge" Gangbatschan (?) an erster Stelle, Nyenchen Thanglha als "Minister der Schneeberge" an die zweite Stelle setzt. Zu diesem System gehören der "Feldherr der Schneeberge " Matschen porma (Manyen Porma) auf dem Amnye Machen (Amdo) und der "Schneeberg der Götter" Yarlha Shampo auf dem gleichnamigen Berg (3). In einem anderen System ist er einer der achtzehn Götter des Windes und des Hagels, desweiteren wird er als Erscheinungsform des Bodhisattvas Vajrapani, tibetisch Chana Dorje angesehen. | | Genauso vielfältig wie die Beschreibung der ihm zugeordneten Systeme sind seine ihm durch Padmasambhava bestimmten religiösen Aufgaben als Dharmapala. So ist Nyenchen Thanglha neben den Gottheiten Zhoglha Gyugpo und Yarlha Shampo auch einer der drei obersten "Erdherren" (Landesschutzgeist) (tib. gzhi bdag) (3), bzw. Yül-Lah von dBus (Ü) und Tsang, den Zenralprovinzen Tibets. In einer ähnlichen Funktion tritt er als Ku-Lha ("persönlicher göttlicher Wächter") des tibetischen Königs Trisong Detsen und Schutzgottheit des Maropi auf, dem "roten Hügel" Lhasas, auf dem sich der Potala befindet. Desweiteren "wird er angerufen als Lha (Lebensseele) aller Frommen, die er beschützt; als Scharfrichter aller Geister, die verweigern, Dharmapalas zu werden bzw. aller Mönche, die ihren religiösen Eid untreu geworden sind; als Dud-Dämon für alle Eidesbrecher und als jener, der die als Karma bestimmten Schicksalsschläge austeilt " (2). |  Padmasambhava | |
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| Natürlich war Nyenchen Thanglha auch eine der alten Bön-Gottheiten, die nicht freiwillig "Zuflucht" zur buddhistischen Lehre nehmen wollten. Was Yeshe Tsogyal dazu schrieb, haben wir am Anfang dieses Beitrages lesen können. Es gibt aber in diesem Zusammenhang noch viele andere überlieferte Legenden. So soll Nyenchen Thanglha Padmasambhava 21000 (!) männliche Dämonen, riesige Yaks und gefährliche Gletscherlöwen gesandt haben. Nachdem Meister Padma diese Angriffe erfolgreich abgewehrt hatte, erschien der Berggott ihm in Gestalt einer bis Yatmothang reichenden weiss-gefleckten Schlange. Nachdem auch dieser Angriff nicht erfolgreich war, versuchte er es mit Blitzen, die aber bei Padmasambhava auch nichts ausrichten, und der grosse Yogi konterte mit einem Abschmelzen seiner Gletscher, so dass er sich doch geschlagen geben musste (3). In einer anderen Legende soll der Berggott in seiner Erscheinungsform als Thanglha Yashur versucht haben, Padmasambhava mit Schneestürmen und Nebel aufzuhalten und den Weg zu versperren. Doch Meister Padma meditierte über Chana Dorje (Vajrapani), und Thanglha Yashur musste sich geschlagen geben (1). | | Zur endgültigen Bindung an die Lehre, so eine andere Legende, hätte der Berggott vier Eide an die buddhistische Lehre ablegen müssen. Den ersten legte er auf Weisung des Chana Dorje ab, den zweiten durch Heruka auf dem heiligen Berg Hapo Ri in der Nähe des ersten tibetischen Klosters Samye, den dritten und vierten durch Dorje Shonu und Padmasambhava auf der Spitze des Samye Klosters. So fand durch die Auseinandersetzung zwischen Volksglauben und Hochreligion ein Assimilierungsprozess statt, der Teile der alten Bön-Religion in die neue buddhistische Religion integrierte, woraus dann die spezielle Form des tibetischen Buddhismus entstand. |  Eisberge über dem Namtso, im Hintergrund die Nyenchen Thanglha-Kette | Unmittelbar nördlich des heiligen Berges auf 4626 m Höhe liegt der grösste See Tibets, der Namtso (Nam Tso, Namtsho) oder Tengri Nor (Noor). Übersetzt bedeutet Namtso "Himmels-See", in dem die namensgleiche Gefährtin Gyajin Semo Namtso ("Nam Tso, Tochter des Gyajin") als Shakti Nyenchen Thanglhas ihren Wohnsitz hat. Zusammen werden beide, so die Legenden, als würdevolles Paar betrachtet, das in vorderster Reihe innerhalb der Götter-Aristokratie steht. | |
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| Es wird weiter berichtet, dass sich der Berggott durch Mitgefühl und Entgegenkommen auszeichnet. Dennoch hat er menschliche Schwächen, insbesondere die Eifersucht . So soll er seinem, auf einem Nebengipfel residierenden Sohn einen kräftigen Schlag versetzt haben, damit er nicht mehr wachse. In einer anderen Legende hatte Namtso eine Liaison mit dem Berggott Boji und empfing von ihm einen Sohn . Rasend vor Eifersucht zertrümmerte er dem Boji die Beine, so das seine eiternden Wunden zu Tälern wurden. Von Gewissensbissen geplagt soll Nyenchen Thanglha den verkrüppelten Liebhaber später um Vergebung gebeten haben und errichtete zur Sühne 100 Chörten, die heute noch in Form von Erdhügeln zu sehen sein sollen (2). | | Überraschend ist, welchen Stellenwert der Berggott im fernen Sikkim einnimmt. Hier wird er neben den eigenen Berggöttern wie dem Kangchendzönga verehrt. Auch im Rahmen der in Gangtok, Sikkims Hauptstadt aufgeführten Tscham-Tänze wird er gewürdigt: Dort werden Reitpferde vorgeführt, von denen eines dem Berggott entspricht. | | 
| Nyenchen Thanglha | In der Regel wird er als ein in weisser Seide und Baumwolle gekleideter Reiter auf einem Schimmel dargestellt, der in der rechten Hand einen Rohrstock und in der linken meditierend die Perlen eines Rosenkranzes durch seine Finger gleiten lässt. ("Und was trägst Du an Deinem Körper? Mit weißer Seide, weißer Baumwolle bist Du bekleidet. Und welches ist Dein Reittier? Das Götterpferd mit den weißen Beinen ist Dein Reittier. Du eilst durch die Drei Welten, und Deine weiße Farbe erstrahlt im Glanz. Mit Deiner Rechten hältst Du den Bambusstab und sendest alle Mantras aus, auf daß sie wirken. In Deiner Linken aber hältst Du die Kristallkette.") (3) Türkisgrüne Adler umschweben seine auch im Winter immer grüne Residenz. In seinen weiteren Erscheinungsformen ist sein Habitus abhängig von seinem Status: Als zornvolle Erscheinung trägt er eine Rüstung aus Karneolen und darüber einen Umhang aus Bärenfell, als Waffen dienen ihm ein Schwert wie auch Pfeil und Bogen. | | In seiner Form als Dharmapala ist er mit aus Kristall gefertigtem Helm, Brustpanzer und Lanze ausgestattet und als weisshäutiger, einen Schimmel reitender Sripe Lhachen Nyengyitso, trägt er ein ebenso ein weisses Gewand mit Turban, in Händen Reitpeitsche und Rundbanner. |  | | Andere Schreibweisen: gNyan chen thang lha, nYanchen Thanglha , Nyentschen Thanglha, Nyanchen Thanglha, Nyainqentanglha, Nyainqentanglha Shan, Nyainquenthaglha Feng. | | (1) Gruschke, Andreas: Mythen und Legenden der Tibeter (2) Gruschke, Andreas: Die heiligen Stätten der Tibeter (3) Rudolf Kaschewsky: Nyantschen Thanglha; in: Die heiligsten Berge des Welt (4) Yeshe Tsogyal: Der Lotosgeborene im Land des Schnees
|  | | Links: Tibet. Gebet a. d. Berggott Nyenchen Thanglha Tibet. Gebet a. d. Berggott Nyenchen Thanglha I Meister Padma bindet alle Götter und Dämonen Tibets durch Eid
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| | Quelle: Internet; Gruschke, A., Die heiligen Stätten der Tibeter, Diderichs, 1997; Gruschke, A., Mythen und Legenden der Tibeter, Diderichs, 1996; Dowman, Keith; Geheimes heiliges Tibet; Hugendubel, 2000; Gratzel, Karl; Mythos Berg, Hollinek, 2000; Schuster, G., Das alte Tibet, NP, 2000; Nicolazzi, M. A., Mönche, Geister und Schamanen, Walter Verlag, 1995; Nebesky-Wojkowitz, René von, Wo Berge Götter sind, DVA; |
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